Herbert Günther

 "Mein kleines poetisches Talent verwelkt bei meiner jetzigen Lage fast ganz..."

Gottfried August Bürger

Geboren am 31. Dezember 1747 in Molmerswende 
(Landkreis Hettstedt), gestorben am 8. Juni 1794 in Göttingen

Ich war 13, 14 Jahre alt damals, ein Junge vom Dorf, und mit Büchern hatte ich nichts im Sinn. Aus dem Fenster im Zimmer meines Elternhauses sah ich hinunter in den üppigen Gemüsegarten unserer Nachbarn, sah die Blumen blühen und verwelken, den wilden Wein am brüchigen Lehmfachwerk der Hausmauer wuchern. Drei oder vier Mietparteien wohnten hier, für mich war 

es das Haus meiner ersten Kinderfreundin, das Haus, in dem ich zum Spielen aus und ein ging, das ich nach meinem Elternhaus am besten kannte. Irgendwann sagte jemand "Das Bürger-Haus", Leute von außerhalb kamen, fotografierten es, hielten für bedeutsam und wichtig, was für mich alltäglich war. Ich fragte die Erwachsenen meiner nahen Umgebung, man war verlegen, hielt sich mit Erklärungen zurück, wehrte ab mit "Das verstehst du noch nicht", es dauerte Jahre, bis man mich für reif genug hielt, mir die ganze Wahrheit zu sagen.
Anrüchig war das auch nach 200 Jahren und beflügelte noch immer den Dorfklatsch: Eine Ehe zu dritt habe er hier geführt, der Herr Dichter. Mit der armen Dorette sei er vor den Augen der Welt verheiratet gewesen, seine Geliebte aber war Dorettes jüngere Schwester Auguste, von ihm Molly genannt, die Adressatin unzähliger Liebesgedichte. Ein Kind mit der Geliebten war da auch, er hat seine Molly zur Geburt zu Verwandten geschickt, hat alles vor den neugierigen Augen und Ohren verborgen, vertuscht. So einer war das, der Herr Dichter. Was er gedichtet hat? Na, diese Schauerballade, die "Lenore". Ach so, und den "Münchhausen".
So bin ich an Gottfried August Bürger geraten. Über seinen Balladen und Gedichten lag für meine Augen dichter Pathos - Nebel, der mir den Zugang zu seinen Versen verschleiert hat. Zeitgeist und Zeitempfinden hatten in 200 Jahren viele Veränderungen durchlaufen. In Intervallen interessierte ich mich über die Jahre hin mal mehr, mal weniger für meinen unruhigen, fernen Nachbarn.
Als ich dann aber doch über das Reclam-Heft "Gedichte. Eine Auswahl" hinaus war, und je mehr ich Einblick bekam in seine aufregende, tragische Lebensgeschichte, um so mehr bekam für mich vieles in seinem Werk Lebendigkeit, Authentizität, Eigenart. Seine Widersprüche hat er vor sich her getragen, sein Leiden an der Welt hat er mal wehmütig, mal zornig zur Schau gestellt. Trotzig ist er seinen selbstgerechten Kritikern gegenübergetreten, hat ihnen seine Empörung ins Gesicht geschleudert:

Wann über meine Männertugend
Ihr zu Gericht euch niedersetzt,
So hetzt ihr jeden Fehl; ihr hetzt
Herbei sogar den Fehl der Jugend.
Weil euch denn dran gelegen ist,
Dass jeden Quark ihr von mir wisst,
So sei hiermit euch unverhalten:
Die ersten Hosen, die ich trug,
Und vollends gar mein Kindertuch
Hab ich nicht immer rein gehalten.


Folgt man den Funken, die die Widersprüche zwischen Lebensanspruch und Lebenswirklichkeit im Bürgerschen Leben beleuchten, so kann es passieren, dass man sich nach 200 Jahren aufs Neue in aufregende Nähe verwickelt sieht. Pflicht und Neigung – so haben wir das in der Schule gelernt – ist ein Konflikt, der nicht zu lösen ist. Um zu leben, konnte auch er sein Brot nicht mit dem verdienen, was ihn im Innersten umtrieb. Zwölf Jahre lang war er Amtmann des adligen Gerichts deren von Uslar Gleichen. Zur selben Zeit hat er, begeistert von der französischen Revolution, Gedichte geschrieben, die Adel und Pfaffen aufs Schafott wünschten.
Da ist das Gedicht

Der Bauer
An seinen durchlauchtigen Tyrannen:
Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu

Zerrollen mich dein Wagenrad
 
Zerschlagen darf dein Ross?


Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebläut
Darf Klau und Rachen hau n?


Wer bist du, dass, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? -


Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Ross und Hund und Du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.


Du Fürst hast nicht bei Egg und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –


Ha! Du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!


Ein Fanal.
Aber da ist auch anderes. Als ihm im Juli 1782 seine Amtmannsstelle zuwider ist, schreibt er an Friedrich den Großen:
[...] Ich bin Ew. Majestät geborener Untertan aus dem Halberstädtischen, wo ich auch noch einige ererbte Grundstücke besitze. Mein Schicksal hat mich schon vor zehn Jahren als einen noch sehr jungen Studenten hierher in das Hannöversche verschlagen, wo ich seitdem ein Justizamt auf dem Lande verwalte. Allein noch konnte die Zeit meinen Wunsch nicht unterdrücken, in irgendeins der glücklichen Länder unter Ew. Majestät Szepter zurückzukehren und dem besten der Könige zu dienen. Ja, er ist so lebhaft, so unruhig, dass er mich jetzt gerades Wegs vor Höchstdero Thron reißt, um das Anerbieten fleißiger und getreuer Dienste, soviel deren ich fähig bin, in demütiger Erwartung allhier niederzulegen.
Die Mächtigen und Großen seiner Welt haben sein Hilferufen abgewehrt, von Friedrich kam keine Antwort, dem Geheimrat Goethe in Weimar, der ihn zu Sturm- und Drang- Zeiten als Bruder im Geist an die Brust gedrückt hatte, ist er am Ende lästig gefallen. Seine Zerrissenheit war ihm Antrieb zum Schreiben. Sein Leiden an der Welt scheint ihm Rechtfertigung, sich in seinen persönlichen Beziehungen über die Konventionen seiner Zeit zu hinwegzusetzen. Wie sehr dabei sein Lebensanspruch den der ihm nahen Menschen unterdrückt hat, bleibt eine offene Frage, der die Literaturwissenschaft bisher noch keine Beachtung geschenkt hat. Gottfried August Bürger hat es nicht vermocht, seine ungelösten Lebensfragen auf eine höhere Ebene zu verlagern, auch Pegasus‘ Schwingen haben ihn nicht aus dem irdischen Jammertal tragen können.
Geboren wurde er in der Sylvesternacht 1747 in dem kleinen Dorf Molmerswende im Ostharz. Seine Eltern sind der Pfarrer Johann Gottfried Bürger und seine Frau Gertrude. Zu Hause hat er wenig Anregung. Sein Vater ist selbstgenügsam und bequem, seine Mutter eine vielleicht kluge, jedoch verbitterte und jähzornige Frau. Zum Glück nimmt sich der Großvater mütterlicherseits Jakob Philipp Bauer der Ausbildung und Erziehung des Jungen an. Von 1759 bis 1760 besucht er die Stadtschule in Aschersleben und wohnt bei seinem Großvater. Nach drei Jahren auf dem Pädagogium in Halle beginnt er 1764 ein Theologiestudium an der dortigen Universität.
Die Freundschaft mit Christian Adolph Klotz, dem als leichtlebig geltenden Professor der Philosophie und Beredsamkeit, erweckt in Gottfried August Bürger die Neigung zur Literatur und zu eigenen poetischen Versuchen. Als er sich jedoch an der Gründung einer verbotenen studentischen Landsmannschaft beteiligt, entzieht ihm Großvater Bauer die finanzielle Unterstützung und beordert ihn nach Aschersleben zurück. Erst 1768 gelingt es ihm, den großväterlichen Geldgeber milder zu stimmen, und noch einmal zieht Gottfried August Bürger zum Studium in die Welt. An der Georg-August-Universität in Göttingen beginnt er nun – auf Wunsch des Großvaters – Jura zu studieren. Doch der Stachel der Literatur sitzt schon zu tief. In Göttingen lernt er Heinrich Christian Boie kennen und die schwärmerischen jungen Männer des Göttinger Hainbundes, Hölty, die Brüder Stolberg, Voss, Hahn, Gotter, Miller. Er korrespondiert mit dem berühmten Gleim in Halberstadt, veröffentlicht im Göttinger Musenalmanach. Er beschäftigt sich mit dem Gedanken, Homer und Shakespeare zu übersetzen. Pflicht und Neigung unterscheiden sich ihm immer mehr in Jurisprudenz und Literatur.
Nach einer juristischen Probearbeit über einen Kindsmordsfall wird er 1772 als Amtmann des adeligen Gerichts derer von Uslar Gleichen mit Sitz in Gelliehausen, nahe Göttingen, eingesetzt. Am Anfang ist er von seiner neuen Aufgabe begeistert, euphorisch schreibt er an einen Freund:
Ich bin in meinem Gericht souveräner Herr über Leben und Tod, Galgen, Rad, Staupenschlag, Zuchthaus, Karrenschieben, Halseisen, Spanische Jungfer, Buckel voll Prügel, Hundeloch, kurz, was ich will, kann ich erkennen [...] Ich habe auch ein starkes Militär unter meinem Kommando. Eine Armee von 24 Mann Landmiliz, die auf meinen Wink marschfertig sein müssen, und wodurch ich meinen Staat in Zaume halte. Und wenn ein Fürst in meinen Grenzen ein Verbrechen begeht, so lass ich ihn durch meine dienstfertigen Geister ergreifen und hege mein hochnotpeinliches Halsgericht über ihn.
Doch schon bald sieht er sich vom Regen in die Traufe gekommen. Bitter beklagt er sich in einem Brief an Gleim:
Mein kleines poetisches Talent verwelkt bei meiner jetzigen Lage fast ganz, denn der ‚Actum Gelliehausen’ usw., der ‚In Sachen‘ usw., der ‚Hiermit wird‘ usw. sind gar zu viel. Statt: ‚Ich rühme mir mein Dörfchen hier‘ usw., heißt es: ‚Ihr Ochsen, die ihr alle seid, euch Flegeln geb ich den Bescheid usw.
In Gelliehausen wohnt er im Haus am Teich, in dem auch ein Amtsvorgänger, der Hofrat Ernst Ferdinand Listn und seine Frau leben. Die Hofrätin ist eine kunstsinnige, vereinsamte Frau, die von sich behauptet, im Verkehr mit der Geisterwelt zu stehen. Sie korrespondiert mit den Hainbunddichtern Cramer und Boie, und natürlich wird der junge Amtmann zu ihrem Vertrauten. Im Haus am Teich entsteht im Sommer 1773 die Ballade „Lenore“:

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“-
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
[…]

Die Zwiesprache mit dem Totenreich, der schauerliche Ritt durch den Hades trifft den Nerv der Zeit. Sie macht den Dichter Gottfried August Bürger auf einen Schlag berühmt, verleiht der Form der Ballade in der deutschen Literatur Rang.
Das Leben im Haus am Teich aber verdunkelt sich. Die Hofrätin wurde gemütskrank und „verfiel im Herbst desselben Jahres in einen unheilbaren Irrsinn." Bürger flieht, reitet auf seinem Pferd durch das Tal der Garte, und findet im Haus seines Amtmannkollegen Johann Carl Leonhart in Niedeck – Gelliehausen gegenüber – das wirkliche Leben und verläuft sich darin. Am 22.11.1774 heiratet er Dorette Leonhart, die ältere der beiden Leonhart-Schwestern, aber schon während er mit ihr vor dem Altar steht – so versichert er später – merkt er, dass er unsterblich in die jüngere Schwester, die 16jährige Auguste verliebt ist.
Im September 1775 zieht er mit seiner Frau Dorette und ihrem im Mai geborenen Töchterchen Antoinette ins nahe gelegene Wöllmarshausen. „Mein Drecksgässchen“ nennt er den Weltenwinkel, in dem ich – 200 Jahre später – Kind war. Was der Dorfklatsch mir als anrüchig vermittelte, war in Wirklichkeit vor allem tragisch: Im April 1777 stirbt Bürgers Schwiegervater, der Amtmann Leonhart, Bürger hat Verantwortung für die Familie seiner Frau zu übernehmen, im Sommer stirbt das Töchterchen Antoinette, im März 1778 schenkt Dorette der Tochter Marianne Friederike das Leben. Vermutlich im selben Jahr entdeckt Dorette das Verhältnis ihres Mannes zu ihrer Schwester. Sie wehrt sich gegen alle Ratschlage ihrer Verwandten, sich von Bürger zu trennen. Auch eine von der Familie eingefädelte geographische Trennung kann die Liebe zwischen „Molly“ und Bürger nicht mindern.
Bürger stöhnt unterdes zunehmend unter den Lasten seiner Amtmannsgeschäfte. Die literarische Quelle sprudelt nur mäßig. Freund Boie rät zu einer Reise gegen den Seelenkummer. Statt zu reisen, begeht Gottfried August Bürger die Dummheit, das Pachtgut des Generals v. Uslar in Appenrode bei Göttingen zu übernehmen und sich frei nach Rousseau mit dem Leben auf dem Lande zu versuchen. Molly kehrt zurück, und auf dem Landgut beginnt nun die Ehe zu dritt. In seiner Lebensbeichte schreibt Bürger: Was der Eigensinn der Gesetze nicht gestattet haben würde, das glaubten drey Personen sich selbst gestatten zu dürfen, da die Gesetze, die doch bloß ihr Glück befördern sollten, sie durch ihren Zwang so höchst unglücklich machten. Die Angetraute war und blieb nur Weib vor der Welt, die andere aber war es – nicht ohne jeder Wissen und Genehmigung – wirklich ins Geheim […]
Er wollte die Fülle des Lebens auskosten, in euphorischen Versen huldigt er dem Gott der Fruchtbarkeit und der Liebe, doch allzu schnell und immer wieder begegnet er dem Tod. 1781 führt er als Amtmann die Untersuchungen gegen Catharina Elisabeth Erdmann, die ihr unehelich geborenes Kind in der Garte ertränkt hat. Schon im folgenden Jahr wird sein Vernehmungsprotokoll in juristischen Vorlesungen an der Universität Göttingen als mustergültig zitiert. Ich lese es gut 200 Jahre später und bin elektrisiert. Das Protokoll ist ein Dokument über die Zeit hinweg, wie man es selten findet. Es setzt mich auf die Spur, dem Geschehen nachzugehen, es bringt mich dazu, mir das Leben eines Menschen vorzustellen, der, bis ins Letzte hinein, von anderen Menschen ausgenutzt wurde. Fiktion und Dokument verquicken sich, nach dreijähriger Recherchearbeit erscheint 1982 mein Buch „Vermutungen über ein argloses Leben“. Ich verdanke es meinem Nachbarn Gottfried August Bürger. Er ist mein Haupt- Gewährsmann. Ich habe sein Protokoll verglichen mit andern Vernehmungsprotokollen ähnlicher Fälle in jener Zeit. Er fragt anders, einfühlsamer als seine juristischen Kollegen. Er hat Grund dafür: Sein Verhältnis zu Molly wird immer intensiver, die Ketten der Konventionen sind längst gesprengt, was aber vor den Augen der Welt ängstlich verborgen wird. Ein Jahr später schickt er seine Geliebte zur Geburt ihres ersten Kindes zu Verwandten weit weg, hält geheim, was er geheim halten kann. In Gedichten jedoch feiert er seine glühende Liebe zu Molly.
 Das frohe, unbeschwerte Leben auf dem Lande war ein Literaten-Irrtum, der Amtmann, der schon längst seines Amtes überdrüssig ist, zieht sich nach Gelliehausen zurück. Dort stirbt seine Frau Dorette nach der Geburt des dritten Kindes. Auch das Neugeborene, wieder ein Mädchen, überlebt die Mutter nur um zwei Wochen. Ein Jahr später heiratet Gottfried August Bürger endlich die „Geliebte seines Herzens.“ Molly ist im dritten Monat schwanger. Er gibt endlich seine Amtmannsstelle auf, zieht mit Molly nach Göttingen, folgt Goethes Rat, sich an einer nahen Universität zu verdingen, bekommt eine Anstellung als Honorarprofessor, hält Vorlesungen über Ästhetik, deutsche Sprache, deutschen Stil und Philosophie an der Georgia Augusta und wohnt im Haus seines Verlegers Dieterich. Alles soll nun gut werden, das Leben in neuen, geordneten Bahnen fließen. Da stirbt auch Molly nach der Geburt ihres Kindes.
Auch das muss er ertragen, das neue Leben allein bestreiten. Statt ländlichem Klatsch sieht er sich nun städtischem Dünkel gegenüber. Als Literat hat er gegenüber den ordentlichen Professoren an der Uni einen schweren Stand. Volkstümlich will er als Dichter sein, verständlich und den einfachen Leuten nah. Er beschreibt es in seiner theoretischen Schrift „Aus Daniel Wunderlichs Buch“. Damit bleibt er den Akademikern fremd. Nie hat er sich zur Autorenschaft dessen bekannt, was sich als das Populärste von ihm erweisen sollte, was auch über die Zeiten geblieben ist: "Münchhausen. Die Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, sie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt" wurde 1785 zum erstenmal von Rudolf Erich Raspe anonym in England herausgegeben. Es sind Jagd- und Reiseabenteuer des legendären „Lügenbarons“ Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen aus Bodenwerder an der Weser. Bürger hat die Raspeschen Geschichten übersetzt, sprachlich nuanciert, eigene Geschichten dazuerfunden. Dass auch er als Autor anonym bleiben wollte, mag nicht nur mit der Furcht vor dem über die Geschichten gar nicht erfreuten Baron Münchhausen zusammenhängen, sondern auch damit, dass die Junker-Geschichten zwar volkstümlich waren, Bürgers sozialkritischem Weltbild aber entgegen standen. Doch auf der Kanonenkugel reiten, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen – im wirklichen Leben hätte er das gern gekonnt.
Getroffen hat ihn Schillers grundsätzlich ablehnende Kritik, die dieser 1791 anonym in der „Allgemeinen-Literatur-Zeitung“ veröffentlichte. Mit dem Werk wird da auch der Mensch verurteilt. Die Sturm- und Drang – Zeiten sind passé. Gemessen an der nun von Schiller geforderten Idealität der Literatur erscheinen diesem die Bürgerschen Balladen und Gedichte grob und viel zu sehr ins Leben verwickelt. Schiller vermengt ästhetische und moralische Kriterien und bescheinigt dem Menschen Bürger einen fragwürdigen Charakter.
Auch mit dem anderen ganz Großen der deutschen Literatur kommt es zum Zerwürfnis. Goethe hatte im Februar 1774 selbst den Briefwechsel mit Bürger eröffnet, hatte ihm seinen „Götz“ geschickt, hatte Bürger eine Shakespeare-Übersetzung angetragen, Geld für dieses Unternehmen gesammelt und es Bürger geschickt, sich aber seinem Drängen gegenüber, ihm am Weimarer Hof eine angemessene Anstellung zu verschaffen, reserviert gezeigt. Als Bürger schließlich 1789 Goethe in Weimar aufsucht, lässt der Herr Geheimrat ihn lange warten, und als er ihn vorlässt, erkundigt er sich nur kühl und distanziert nach dem Wetter in der Universitätsstadt Göttingen. Verbittert und erbost schreibt Gottfried August Bürger über diese Begegnung:

Mich drängt‘ es in ein Haus zu gehen,

Drin wohnt ein Künstler und Minister.
Den edlen Künstler wollt‘ ich sehn,
Und nicht das Alltagsstück Minister.
Doch steif und kalt blieb der Minister
Vor meinem trauten Künstler stehn,
Und vor dem hölzernen Minister
Kriegt‘ ich den Künstler nicht zu sehn.
Hol‘ ihn der Kuckuck und sein Küster!


Im Herbst desselben Jahres 1789 wird Bürger ein Exemplar der Wochenschrift „Beobachter“ aus Stuttgart zugeschickt. Darin findet sich ein zwölfstrophiges Gedicht einer Frau in der Manie Bürgers, ein Heiratsantrag, natürlich anonym. Bürger zieht Erkundigungen ein, reist inkognito nach Stuttgart, heiratet „sein Schwabenmädchen“, die Schauspielerin Elise Hahn. Doch wieder endet, was so romantisch und wunderbar unvernünftig begann, in einer Katastrophe. Ein Sohn wird geboren, aber der alt gewordene Dichter und die junge, lebenslustige Frau werden zum Gespött der Göttinger akademischen Welt. Sie betrügt ihn, er lässt sich scheiden.
Von der Welt verlassen und verarmt stirbt Gottfried August Bürger am 8. Juni 1794 an der Auszehrung. Georg Christoph Lichtenberg, der Weltweise, Göttinger Nachbar zu Bürgers Zeit, schreibt: "Der gute Bürger ist mir in diesen Tagen wenig aus dem Sinn gekommen. Ich habe sein Begräbnis durch das Perspektiv mit angesehen. Als ich den Leichenwagen mit einer Art Anlauf durch das Kirchhofstor rollen sah, so hätte nicht viel gefehlt, ich hätte laut aufgeweint. Das Abnehmen vom Wagen konnte ich unmöglich mit ansehen, und ich mußte mich entfernen. Es begleitete ihn niemand als Professor Althof mit farbigem Kleide, Dr. Jäger und des Verstorbenen armer Knabe."






Werke:
Gottfried August Bürger: Gedichte. Hg. Von Arnold E. Berger. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe. Leipzig, Wien (1891). (Meyers Klassiker-Ausgaben).
Gottfried August Bürger: Sämtliche Werke in vier Bänden. Mit einer Einleitung und Anmerkungen hg. Von Wolfgang von Wurzbach. Leipzig (1902. 1924).
Gottfried August Bürger: Gedichte in zwei Teilen. Hg. Und mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ernst Consentius. Berlin u.a. (1909). (Goldene Klassiker-Bibliothek). Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe. Ebd. (1914).
Gottfried August Bürger: Werke in einem Band. Ausgewählt und eingeleitet von Lore Kaim und Siegfried Streller. Weimar 1956. (Bibliothek deutscher Klassiker).
Gottfried August Bürger: Werke und Briefe. Auswahl. Hg. Von Wolfgang Friedrich. Leipzig 1958.
Gottfried August Bürger: Sämtliche Werke. Hg. Von Günter und Hiltrud Häntzschel. München und Wien 1987.
Briefe von und an Gottfried August Bürger. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte seiner Zeit. Aus dem Nachlasse Bürgers und anderen, meist handschriftlichen Quellen hg. Von Adolf Strothmann. 4 Bde. Berlin. Reprint Bern 1970.
Gottfried August Bürger und Johann Christian Dietrich. Briefwechsel. Hg. Von Erich Ebstein. Leipzig 1910. (Gesellschaft der Münchner Bibliophilen.
Gottfried August Bürger und Philippine Gatterer. Ein Briefwechsel aus Göttingens empfindsamer Zeit. Hg. Von Erich Ebstein. Leipzig 1921.
Bürgers Liebe. Dokumente zu Elise Hahns und G.A. Bürgers unglücklichem Versuch, eine Ehe zu führen. Hg. Und mit einem Nachwort versehen von Hermann Kinder. Frankfurt 1981 (Neuausg. Göttingen 1999).
Mein scharmantes Geldmännchen. Gottfried August Bürgers Briefwechsel mit seinem Verleger Dietrich. Hg. Von Ulrich Joost. Göttingen 1988.

Über Gottfried August Bürger:
Herbert Günther, Vermutungen über ein argloses Leben. Der Kindsmordsfall Catharina Elisabeth Erdmann. Mit einem Protokoll von Gottfried August Bürger, 1781. Göttingen 1997.
Günter Häntzschel, Gottfried August Bürger. München 1988.
Helmut Scherer, Gottfried August Bürger. Eine Biographie.
Berlin 1995.


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