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Tagebücher, Band II |
Der Sohn, immerhin, fordert noch 250 Jahre nach seiner Geburt zu textkritischen Höchstleistungen heraus. Voriges Jahr begonnen, rechnen die Herausgeber der zehnbändigen Tagebuchausgabe (jeder Band in einen Text- und einen Kommentband geteilt) mit Abschluß der editorischen Großleistung etwa um das Jahr 2017. Der Editionsplan sieht eine komplette Wiedergabe aller Tagebücher und tagebuchartigen Ausführungen vor, ergänzt um einige flankierende Diarien wie zum Beispiel im vorliegenden zweiten Band diejenigen von Goethes Reisebegleitern Goetze und Geist.
Es wird extra betont, daß nichts aufgenommen wurde, was eigenständigen Werkcharakter besitzt. Nun wird niemand auf die Idee kommen, die „Italienische Reise“ hier zu erwarten. Die „Tag- und Jahrbücher“ fehlen freilich auch, und ich habe sie, trocken wie sie fast durchgängig sind, noch nie als ein Werk anzusehen vermocht. Daß freilich eine biografische Fundgrube wie das Notizbuch der schlesischen Reise fehlt (begründet damit, daß es kein Tagebuch sei, sondern nur eine Sammlung von Notizen verschiedener Art) scheint mir ein empfindliches Desiderat, findet man es doch auch sonst nur selten.
Aber wir wollen uns freuen an dem, was wir bekommen haben, und das ist viel. Kein Lesebuch liegt da vor uns, keine gemütsergötzende Lektüre, wohl aber dem intensiven Goethe-Leser die authentischste Autobiografie, die sich denken läßt. Frisch vom Tage weg. Um Objektivität bemüht, und dann bricht doch Klatsch herein („Man sagt er sey ein Sohn des Herzogs von Zweybrücken“) oder Emotion („Bei verschiedenen Mädchens bemerckte ich eine wunderl. Bildung der Nase“). Und vor allem: wann er was gelesen und geschrieben, wen er eingeladen oder besucht hat, wo er wann war; in wievielen Schüben sich jedes seiner Werke hingezogen hat, daß wir als abgeschlossenes Ganzes von vielleicht nur wenigen Seiten kennen. Nein, das läßt sich so nur aus einem Tagebuch entnehmen.
Und dieses hier hat einen Kommentarteil von höchster Qualität, exakt und förderlich bis ins Kleinste, mit einem erstaunlichen, immer funktionierenden Verweissystem. Was aber das Schönste ist: Die Herausgeber Wolfgang Albrecht und Edith Zehm verfallen kein einziges Mal in Fachchinesisch. Trocken geht’s notwendigerweise zu, aber niemals unverständlich! Dem Werk ist zügige Vollendung und eine genügend große Anzahl von Suskribenten zu wünschen!
Klaus Seehafer
Johann Wolfgang Goethe: Tagebücher. Historisch-kritische Ausgabe. Band II/1 1790 – 1800. Text. Hrsg. von Edith Zehm. 407 S. – Band II/2 1790 – 1800. Kommentar. Hrsg. von Wolfgang Albrecht u. Edith Zehm. S. 418 – 987. Stuttgart: J. B. Metzler 2001. Text- und Kommentarband zusammen: EURO 189,90.
P.S. Die Bände 3/1 und 3/2 erscheinen voraussichtlich im Mai 2004.