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Erste Lieb’ und Freundschaft
Manfred Zittels Buch über Goethes Leipziger Jahre |
Goethe in Leipzig: ein wesentliches biografisches Kapitel im Leben des Dichters, und dennoch hat es das als eigenständiges Buch schon mehr als ein Dutzend Jahre nicht mehr gegeben. Da kommt Manfred Zittels Buch „Erste Lieb’ und Freundschaft“ gerade recht – umso mehr, als es angenehm zu lesen ist, anschaulich formuliert und temperiert erzählt. Der Stoff ist stimmig geordnet; und wer einmal eine Biografie geschrieben hat, weiß, dass diese Arbeit viel mit dem Zusammensetzen eines Puzzles gemein hat: hier eine winzige authentische Aussage, dort eine widersprechende aus der Sekundärliteratur, das Ganze aufeinander bezogen und in den höheren Kontext gesetzt. Am Ende fällt alles auseinander, und nichts wird erkennbar, oder ein Kunstwerk ist entstanden. Manfred Zittels Werk ist Letzterem sehr nahe gekommen.
Dies wäre noch besser gelungen, wenn der Autor nicht immer wieder mit Kickeriki darauf hingewiesen hätte, dass seine Biografie etwas ganz Einmaliges sei. „Dieses Buch“, heißt es gleich im ersten Satz, „wird erstaunlich viel inhaltlich Neues über die Studentenjahre Goethes in Leipzig ans Licht bringen.“ Von einem Brief im Oktober 1769 heißt es, es habe bislang noch niemand versucht, „den Grund für seine Verworrenheit herauszufinden oder seine Aussagen zu erklären“. Überhaupt würde „die große Bedeutung, die der Leipziger Epoche im Leben Goethes zukommt, bisher nicht klar genug erkannt“.
Früheren Biografen wirft Zittel vor, sie hätten sich keine Gedanken über die Gründe gemacht, warum Goethes Liebesbriefe an Annette so leidenschaftlich waren, dagegen die Darstellung der Leipziger Liebesgeschichte in „Dichtung und Wahrheit“ „auffallend kurz und fast emotionslos“. Nun, diesen Unterschied gibt es krasser noch bei der Wetzlarer Lotte und ganz besonders deutlich zwischen den italienischen Briefen an Charlotte von Stein und der Jahrzehnte später vollendeten „Italienischen Reise“. Der Grund hierfür ist einfach, dass biografische Zeugnisse aus der Jugend etwas grundlegend anderes sind als die gestaltete Biografie des Alters. (Wobei ich kein Hehl daraus mache, dass mir, was der junge Goethe schrieb, weitaus besser gefallen hat, als die Art und Weise des alten Herrn.)
Das Rückgrat von Zittels Arbeit sind die zwanzig Briefe an den Freund Behrisch. Da wirke es, meint der Biograf, „durchaus sensationell, wenn man herausfindet, dass diese Briefe bis heute noch nicht in ihrer Gesamtheit ausgewertet wurden, obwohl sie die authentische Quelle für Goethes Leipzig Jahre bilden.“
Ich bin dem Autor trotz seines Selbstbewusstseins dankbar für dieses Buch, denn er ist, wie gesagt, ein meisterlicher Puzzlesetzer. Darüber hinaus zieht er kluge Schlüsse und gräbt auch immer wieder längst vergessene Erkenntnisse aus. Über allem aber ist ihm eine jener viel zu seltenen Biografien gelungen, die erzählerisch gestaltet sind, ohne ins Fiktive abzuheben. Die 234 Seiten Stoff, die er bietet, sind frisch erzählt, geschickt arrangiert, und sicher haben sie auch die Forschung ein Stückchen weiter getrieben. Aber gerade der Leipziger Aufenthalt Goethes war immer schon ein bisschen besser erforscht, als Zittel behauptet: Valerian Tornius fasste den Stoff auf 90 Seiten zusammen, Christine Schaper weitete ihn auf 116 Seiten aus. Das voluminöse Werk „Goethes Leben von Tag zu Tag“ widmet den Leipziger Tagen gleichfalls 116 Seiten. In der bislang ausschweifendsten Biografie – Wilhelm Bodes „Goethes Leben“ – bekommen sie119 Seiten. Worauf Zittel aber nirgendwo Bezug genommen hat – weder in seinem Buch, noch in der Bibliografie – ist Woldemar von Biedermanns „Goethe und Leipzig“ von 1865: zwei Bände mit zusammen 659 Seiten!
Ein wenig mehr Bescheidenheit wäre also durchaus angebracht gewesen.
Manfred Zittel: Erste Lieb’ und Freundschaft. Goethes Leipziger Jahre. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2007. 247 S., geb. 18,- €.